Ein paar Gedanken der letzten Wochen

Der heutigen Blogeintrag soll genutzt werden, um einmal all die Dinge, Fragen, Beobachtungen zu beschreiben, die uns in den letzten zwei Monaten aufgefallen sind und um deren Beschreibung wir uns bisher hier auf dem Blog erfolgreich gedrückt haben. Dabei handelt es sich um Gespräche, die wir beim Abendessen, mit anderen Freiwilligen oder im Lehrerzimmer führen und immer sehr genießen, die uns aber auch viele Dinge in Europa kritisch hinterfragen lassen. Dabei werden wir hierbei bestimmt nicht drum rumkommen uns auch politisch zu äußern – wir bitten jedoch darum, diesen Beitrag einfach nicht als allgemeingültig, sondern einfach als unsere Eindrücke der letzten paar Monate anzusehen, die eben zu diesen Fragen und Gedanken führten.

Konsum:
Man kommt hier gar nicht drumherum an unser Konsumverhalten in Europa zu denken. Das einfachste Beispiel hier ist zum Beispiel Essen. Das Essen, was man hier kaufen kann, kommt alles aus der Gegend und ist frisch. Alles, was an Lebensmitteln noch mehr Produktion bedarf bzw. importiert wird kann man im Supermarkt sehr teuer erstehen. Das heißt, dass der Supermarkt hier oft eher nur den etwas wohlhabenden Menschen zugänglich ist und von der breiten Masse eher etwas seltener benutzt wird, da der Markt deutlich billiger ist und meistens auch besser schmeckt. Dies gilt jedoch eher für unsere Region hier, da hier viel Landwirtschaft betrieben wird und das Land sehr reichhaltig ist. In Nairobi z.B. sieht das alles schon,wieder ganz anders aus. Hier zieht man dann auch wieder schnell einen Vergleich zu deutschen Supermärkte, in denen zu jedem Zeitpunkt, selbst im Winter, die exotischten Früchte zu kaufen sind und wir fleißig am konsumieren sind. Die Vorstellung, dass wir uns im Winter nur von eingelagerten Kartoffeln und saisonalen Lebensmitteln ernähren erscheint dabei sehr absurd, weil wohl keiner bereit wäre auf diese Vielfalt zu verzichten. Aber ausschlaggebend ist hierbei jedoch, dass wenn man in Deutschland billig essen will geht man zum Supermarkt und hier in Kenia geht man dann zum lokalen Markt. Diesen deutschen Trend müsste man nun versuchen zu unterbinden, da unsere billigen Lebensmittelpreise oft auch nur durch Massentierhaltung und Co. zustande kommen.
Dabei gewöhnt man sich hier schnell daran, dass man genau weiß woher Frucht, Gemüse und Fleisch kommt, während man in Europa keinerlei Ahnung davon hat. Fairer Konsum ist, nach unseren Einschätzungen, in Europa wesentlich schwerer und deutlich teurer.
Dass die Kleidung, die hier zu Massen auf den Märkten verkauft wird auch teilweise durch Kinderarbeit und unter schlechten Bedingungen aus Asiatischen Ländern stammt, ist dabei ohne Frage. Interessant ist dabei aber, dass es sich hierbei sehr oft um Kleidung aus der Altkleidersammlung z.B Europa und Amerika handelt, also von uns weggeschmissen Sachen – Wegwerfgesellschaft zu der wir neigen, Dinge die wir haben ohne sie zu schätzen. Schade ist hierbei, dass diese Kleidung vor allem auf Grund von sehr niedrigen Preisen die Märkte dominiert und die traditionelle Kleidung zumindest teilweise verdrängt hat. Auch bleibt die Wohltat, die wir uns einreden indem wir Kleidung „spenden“, aus, da diese hier kommerziell verkauft werden und wahrscheinlich irgendwelche Mittelmänner daran ein Vermögen verdienen.
Eine sehr ausgeprägte Eigenschaft von Kenianern ist Sauberkeit… und so werden Schuhe hier selbst bei Regenzeit und viel Schlamm so gut wie möglich sauber gemacht, um sie lange zu bewahren und womöglich weiterzugeben. Das was man hat schätzt man. Auch kommen wir uns hier manchmal seltsam vor, wenn wir mit unseren schlammbespritzten Turnschuhen hier rumlaufen, obwohl es für uns normal ist, oder fühlen uns sogar manchmal unhygienisch im Vergleichen, da wir nicht an so hohe Hygienevorschriften gewöhnt sind.
Das ganze führt zu Fragen, auf die wir keine Antworten haben, sie aber vielleicht in den nächsten Jahren finden werden. Wenn nicht so helfen sie uns trotzdem unser Leben in Europa kritischer zu hinterfragen. Welche Rolle spielen zum Beispiel EU Agrarhandelsabkommen oder Freihandelsabkommen überhaupt in unserer Art zu konsumieren und inwiefern hindern sie den afrikanischen Kontinent oder in unserem Beispiel Kenia fair am Handel teilzunehmen? Ist es uns überhaupt möglich nicht auf Kosten von anderen zu konsumieren, wenn unsere Handys, unsere Schokolade und unsere Kleidung auf Ausbeutung beruhen? Was bringt eine globalisierte Welt und Arbeitsteilung wenn am Ende nur der Verkäufer und Zwischenverkäufer im Westen profitiert?

Industrienation und Land des globalen Südens:
Wieder einmal eine Art Wechselwirkung über die wir hier nicht fundiert berichten können, nur Fetzen wissen und uns keine vollendete Meinung anmaßen. Zum einen fällt mir persönlich in dieser Hinsicht auf, wie wenig Kolonialismus bisher aufgearbeitet ist, wie wenig wir uns als Postkoloniales Land verstehen, wenn doch Kolonialismus so viele Strukturen und Traditionen hier aufgelöst hat. Warum, fragt man sich da zum Beispiel, wissen die wenigsten Deutschen von dem Völkermord an den Herero? Warum haben die Industriestaaten in allen Verhandlungen so viel mehr Macht? Warum sehen wir uns z.B. als Opfer der Flüchtlingskrise, wenn, sobald man sich mit dem Thema und der Geschichte beschäftigt, man sieht wie viel Teilnahme wir daran haben und hätten?

Dies bringt mich zum letzten Punkt: Kultur.
Ein zentraler Bestandteil kenianisches Kultur ist die kenianische Gastfreundschaft. Dabei wird gerne, herzlich und aufrichtig eingeladen, man freut sich einfach über zusammen verbrachte Zeit und ein geteiltes Essen. Die Menschen nehmen sich Zeit für solche Dinge und dieses soziale Zusammensein ist meinem Eindruck nach auch viel der persönlichen Zufriedenheit der Kenianer zuzuschreiben. Dabei ist es für uns in manchen Situationen schon seltsam, wenn einem z.B. Cola gebracht wird. Warum? Weil Cola kein Alltagsgetränk wie in Deutschland ist, Soda ist hier etwas Besonderes für besondere Anlässe … aber als Gastgeber freut man sich einfach wenn es dem Gast hier gut geht und er das Essen geniesst. Dagegen wirkt das deutsche Leben doch manchmal sehr verkorkst. Gerade die aktuelle Flüchtlingsdebatte ist vor diesem Hintergrund für uns und eigentlich allen Freiwilligen hier seltsam zu verfolgen. Wir haben so unglaublich viel und tun uns so schwer mit Geben, bzw. nehmen uns selten Zeit im geschäftigen Alltag zusammen zu essen, zu reden, zu singen und das Zusammensein zu geniessen. Warum sind Türen bei uns so oft verschlossen und wir so oft distanziert zu neuem?

Dabei tut es aber gut zu sehen, dass uns dieser Aufenthalt auch dazu bringt unser Leben in Deutschland oder Europa anders zu sehen und zu hinterfragen. Dass man natürlich einen gewissen Lebensstil hat und im Winter auch weiterhin Bananen, Ananas und Avocados essen wird ist wahrscheinlich so, dennoch wird es spannend sein bei unserer Rückkehr festzustellen wie sich unser Umgang mit solchen Themen verändert hat. Eins ist sicher: die Gastfreundschaft wird mit uns zurück nach Deutschland reisen.

Liebe Grüße aus dem regnerischen Mekenene!

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